Die Türme des Februar

Titelbild

Gedanken zu pädagogischen Zielen von Die Türme des Februar

Martin Kleppmann

Es ist kein Zufall, dass ich mit den Plänen zur Aufführung von Die Türme des Februar an meine frühere Schule zurückkehre. Ein wichtiger Aspekt ist, dass dort mit Norbert Locher ein routinierter und motivierter Leiter musikalischer Projekte tätig ist. Allerdings wären für mich die Aufführungsmöglichkeiten im Rahmen der Universität oder Musikhochschule potentiell besser, da besser ausgebildete und erfahrene Musiker und Schauspieler zur Verfügung stünden. Dennoch suche ich den Kontakt zu Schulen. Was sind die tieferen Gründe?

Die Faszination der grossen Buehne

Die Idee, eine Bühnenfassung des Buchs Die Türme des Februar zu schreiben, entstand bereits 1998, als ich 14 Jahre alt war. Damals hatte ich bereits an mehreren großen Projekten an der Schule mitgewirkt; als besonders prägend hatte ich die Schulaufführung des Musicals Cry, the Beloved Country (von Kurt Weill, auch bekannt unter dem Titel Lost In The Stars) empfunden. Mich faszinierte das Spektakel der großen Bühne, die Beleuchtungseffekte, das Lampenfieber, und ganz besonders die Tatsache, dass sich so viele Leute über Monate hinweg für etwas bemühten, was sich nach drei kurzen Aufführungen scheinbar in Nichts auflöste. Wenn Leute bereit waren, ein Kompaktprobenwochenende mit 12 Stunden Proben täglich zu ertragen, musste doch etwas daran sein, was dies aufwog. Danach suchte ich.

Selbständiges Denken und Handeln

Tatsächlich waren die Beweggründe wohl so vielfältig und unterschiedlich wie die Mitwirkenden selbst, und reichten vom Spaß an der Kameradschaft oder der Musik bis hin zu einem positiven Selbstwertgefühl, wenn die erbrachte Leistung vorgeführt wurde. Doch das macht keinen großen Unterschied. Entscheidend ist, dass all diese Begeisterung für das Projekt freiwillig und bereitwillig entstand. In der Schule herrscht im Allgemeinen die Pflicht vor, nicht die Freiwilligkeit – das lässt sich wohl nicht vermeiden – und so ist ein freiwilliger und selbstmotivierter Einsatz keinesfalls selbstverständlich! Und ich bemerkte, dass solcher Einsatz und selbstdisziplinierte Konzentration zu Erfolgserlebnissen führten, denen keine Pflichtaktivität nahe kommen konnte. Diese Erkenntnis wiederholte sich bei jedem neuen Projekt, an dem ich mitwirkte – je umfangreicher und gewagter, desto mehr. Ich würde sagen, dass diese Erkenntnis die wichtigste ist, die ich in meiner gesamten Zeit als Schüler gemacht habe, und die mich am meisten von allen Dingen in meinem bisherigen Leben geprägt hat. Dies kann ich nicht genug betonen: Was man freiwillig und gerne tut, das bringt einem viel mehr Freude.

Chor- und Orchesterproben schweissen zusammen

Es muss nicht unbedingt ein Musik- oder Theaterprojekt sein, um das Glück der eigenen, freiwilligen Errungenschaft zu erleben. Diese Art von Projekt eignet sich jedoch besonders gut, da eine große Anzahl von Personen beteiligt sein kann, und es dennoch auf das Engagement und das Talent jedes einzelnen ankommt, egal ob dieser nun eines der Instrumente im Orchester oder eine noch so kleine Rolle im Theater spielt. Dadurch entsteht auf den Einzelnen eine Sogwirkung, die alle Mitwirkenden zusammenschweißt: Sie werden sich ihrer Verantwortung bewusst, die sie für das Projekt und damit auch für alle anderen in der Gruppe tragen, und sind dadurch gerne bereit, Höchstleistungen zu bringen und zugleich Freude daran zu haben.

An diesem Punkt setzt meine Vision von Pädagogik durch Die Türme des Februar an. Ich bin überzeugt, dass die Schule weit mehr als eine Institution der Wissensvermittlung ist, ob sie es will oder nicht. Alleine schon die Zeit, die hier verbracht wird, macht einen beträchtlichen Teil des jungen Lebens aus. Hier entstehen und vergehen ein Großteil der Freundschaften in dieser Altersspanne, hier wird soziales Verhalten entwickelt und gefördert. Hier ist eine Ersatzfamilie für diejenigen, die zu Hause wenig Zuwendung erfahren, und hier wird ganz entscheidend die individuelle Persönlichkeit für das restliche Leben geprägt. Nicht alle dieser Dinge liegen im Verantwortungs- oder überhaupt im Einflussbereich der Lehrkräfte, und ich verstehe auch, dass man sich dieser grundliegenden und verantwortungsschweren Bedeutung für die Zukunft der Schüler im Schulalltag nicht ständig bewusst sein kann. Von Zeit zu Zeit sollte es aber möglich sein, sich zu besinnen, welche Möglichkeiten die Schule hat, um aus den ihnen anvertrauten Kindern und Jugendlichen „bessere Menschen“ zu machen.

Zusammenarbeit und Integration

Eine weitere Besonderheit zeichnet Musik- und Theateraufführungen aus, die von Schulen initiiert werden: Das Spektrum der Mitwirkenden ist hier besonders breit. Von achtjährigen Kindern bis hin zu Erwachsenen ist alles vertreten, Jugendliche im schwierigen Alter ebenso wie die in weniger schwierigem Alter. Ebenso bunt gemischt ist das Spektrum der sozialen Herkunft. Wo sonst ergeben sich schon Gelegenheiten, bei denen all diese Personen auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiten können?

Weitblick

Verstärkt wird dieser Effekt, wenn nicht nur eine Schule beteiligt ist, sondern mehrere, möglichst von unterschiedlichen Schultypen – Grundschüler, Hauptschüler, Realschüler und Gymnasiasten gemeinsam. Wenn lokale Vereine und Erwachsene zusätzlich in die Kooperation einbezogen werden, bekommen die Kinder und Jugendlichen einen besonderen Respekt vor ihrem gemeinsamen Projekt. Nun fungiert die Aufführung als Schmelztiegel für einen Gesamtquerschnitt der Gesellschaft. So stark ist dieses Mittel der gesellschaftlichen Integration, dass derartige Projekte selbst in Zeiten knapper Kassen öffentliche Förderung genießen.

Schulen haben somit einzigartige Möglichkeiten, nicht nur als abgeschlossener Mikrokosmos zu existieren, sondern mit positiven und integrativen Gesten an die Öffentlichkeit zu treten. In Großprojekten können sie Zeichen für Zusammenhalt und gegen Ausgenzung setzen, während die Mitwirkenden die Integration direkt erleben. Schulen haben diese Möglichkeiten, und dadurch ist die Verantwortung gegeben, sie auch zu nutzen.

Doch warum dieses Stück?

Ich habe erklärt, wie Musik- und Theateraufführungen mich persönlich stark geprägt haben. Mein Wunsch, Die Türme des Februar zu schreiben, entstand aus der Schlüsselerfahrung, dass eigenverantwortliches Handeln eine große persönliche Bereicherung darstellt. Und nun will ich zum schulischen Umfeld zurückkehren, um der nächsten Generation zu ermöglichen, ähnliche positive Erfahrungen zu sammeln. Doch es bleibt die Frage, inwiefern mein Werk für solch eine pädagogische Zielsetzung geeignet ist.

Nachdenklichkeit

Die Türme des Februar war von vornherein als Amateuraufführung ausgelegt. Dazu gehören gewisse praktische Maßnahmen, wie die Trennung von Theater und Musik – kein Schauspieler muss zugleich singen, was die Besetzung der entsprechenden Rollen deutlich erleichtert. Insbesondere die Musik ist mit den Aufführenden im Hinterkopf geschrieben: Ich musste selbst erleben, wie zäh und langweilig manche Stücke werden, wenn man sie immer wieder hört, was während der Proben jedoch unvermeidlich ist. Die Musik ist daher bewusst vielfältig und manchmal etwas gewöhnungsbedürftig, was sie jedoch längerfristig interessanter macht.

Die Orientierung auf Amateure hin heißt jedoch nicht, dass die Anforderungen minimal gehalten wurden. Die Türme des Februar beinhaltet außer diversen Nebenrollen drei umfangreiche Hauptrollen und erfordert eine gut durchdachte Bühnentechnik. Auf musikalischer Seite bestehen die Möglichkeiten für erfahrene Instrumentalisten, sich in Soli auszutoben. Dagegen sind die Anforderungen an den Großteil der Mitwirkenden (darunter den Chor) deutlich niedriger gehalten, ohne dass diese Rollen unwichtig würden. Diese Abstufung ermöglicht Personen einer breiten Palette unterschiedlicher Altersstufen und Erfahrungsgrade die echte Mitwirkung.

Ausdauer lohnt sich

Der Wunsch, so viele Mitwirkende wie möglich unterzubringen, könnte dazu verleiten, ein lediglich mittelmäßiges Niveau der Aufführung zu akzeptieren. Davon nehme ich entschieden Abstand. Man sagt, der Weg sei das Ziel, doch das ist nicht wahr: Die Aufführung ist das Ziel, das muss klar sein. Das richtige Erfolgserlebnis stellt sich nur ein, wenn die Mitwirkenden bereit sind, alles zu geben. Wie soll ein Kind entdecken, was in ihm steckt, wenn es nicht herausgefordert wird, seine Grenzen zu erproben? Vielleicht schlummert in ihm ein unentdecktes Talent.

Was Schulnoten angeht, so mag es manchmal modisch und schick sein, schlecht abzuschneiden. Doch in der Aufführung ist nur das Beste jedes einzelnen gut genug, und wer nicht sein Bestes gibt, lässt seine Kameraden hängen, die eine gute Aufführung wollen. Es gibt keine Kontrolle des Einzelnen, keine Bloßstellung – statt dessen muss jedem klar werden, dass eine gute Qualität des Resultats nur durch das kooperative Zusammenwirken aller Beteiligten möglich ist. Und wer zuvor nicht die Selbstdisziplin hatte, sich für das Gelingen des Projekts anzustrengen, erlernt sie spätestens bei dieser Gelegenheit.

Unter guter Leitung Musik erleben

Selbstdisziplin – diese Fähigkeit ist so wichtig für das Leben, aber zugleich so schwer zu vermitteln, und darüber hinaus noch unpopulär. Der Großteil der Disziplin im Alltag wird durch höhere Autoritäten bestimmt, durch Androhung von Strafe. Ein Aufführungsprojekt wie dieses ist anders: Es zeigt, wie Disziplin primär eine Frage des eigenen Willens ist. Doch dazu muss das Projekt eine Herausforderung sein, ernst, nicht bloß ein Spiel. Der Spaß ergibt sich nicht daraus, dass es leicht ist, sondern dass man auf das Ergebnis stolz sein kann. Und natürlich, dass man es gemeinsam mit seinen Freunden errungen hat.

Die Türme des Februar stellen solch eine Herausforderung dar. Die Musik ist recht ‚modern’ (in Ermangelung eines besseren Begriffs), das heißt, sie ist nicht immer tonal oder wohlklingend, und oft anders strukturiert als wir es von populären Musikstilen gewöhnt sind. Sie enthält ungewohnte Rhythmen, ungewohnte Harmonien, sogar ungewohnte Geräusche. Doch dies muss als Chance und nicht als Problem begriffen werden. Ich bin überzeugt, dass jeder Schüler mit etwas Ausdauer in der Lage ist, diese Schwierigkeiten zu meistern. Nichts in diesem Stück ist unnötig kompliziert geschrieben – wo ungewöhnliche oder komplexe Strukturen auftreten, sind diese stets ein Mittel, um einen bestimmten Stimmungseffekt beim Zuhörer (und beim Spieler) zu erzielen. Dies macht Die Türme des Februar auch für diejenigen, die bisher wenig Kontakt zu zeitgenössischer Musik hatten, zu einem glaubhaften Beispiel dafür, dass nicht immer alles harmonisch sein muss – manche Stimmungen sind eben per se disharmonisch oder chaotisch, und es wäre unangebracht zu versuchen, diese mit banalem Schönklang wiederzugeben oder gar von vornherein auszuschließen.

Abbau von kulturellen Barrieren

Die Aufführenden setzen sich naturgemäß sehr viel intensiver mit einem Stück auseinander als ein passiver Zuhörer. Indem sie sich in einem solchen Projekt mit einer Art von Musik beschäftigen, die sie sonst nie hören würden, erschließen sich vielleicht für den einen oder anderen neue musikalische Wege, zu denen sonst die kulturellen Barrieren zu hoch gewesen wären. Es gibt eine große und faszinierende Welt jenseits der Popmusik. Neue Musik auf eine solche praktische Weise kennen zu lernen ist weit effektiver als die Möglichkeiten, die im Musikunterricht gegeben sind: Dort bleibt der Schüler passiver Zuhörer, und kann das Ungewohnte immer noch als Unsinn abstempeln. Das kann er oder sie bei einer eigenen Mitwirkung nicht.

Durchblick

Seitens des Theaters ist Die Türme des Februar nicht avantgardistisch, damit die Handlung des Stücks auch für den Zuschauer gut zugänglich wird. Dagegen gehen die inhaltlichen Möglichkeiten einen Schritt weiter: Während die Schauspieler die konkrete Handlung verkörpern, kommentieren die Sänger auf einer abstrakten Ebene das Geschehen. Das Stück bietet interessante Ansatzmöglichkeiten zu philosophischen Überlegungen – unter anderem über die eigene Identität, das Verständnis eines freien Willens und Wahrheit. Diese weitere Verständnisebene sorgt dafür, dass dieses Stück für die ursprüngliche Zielgruppe des Buches (ab 12 nach Angabe des Verlags) ebenso wie für ältere Jugendliche und Erwachsene interessant bleibt.

Schließlich ist eine ungewöhnliche Eigenschaft von Die Türme des Februar, dass ich als Komponist und Texter direkt in der Produktion involviert sein kann. Während die künstlerische Freiheit der Regie und der musikalischen Leitung gewahrt bleibt, kann es zugleich einen echten Kontakt zwischen den Mitwirkenden und dem Komponisten geben. Dies kann den Schülern zeigen, dass es sich bei diesem Stück nicht um das Werk eines unbekannten (meist toten) Meisters handelt, sondern jemanden, der fast noch einer von ihnen ist. Die unter Schülern bei Interpretationen ständig auftauchende Frage – was wollte der Autor wirklich sagen, was interpretieren wir nur hinein? – ist für sie leicht zu beantworten, indem sie mich fragen. Ich möchte auch versuchen, die Person des Komponisten bzw. Texters zu entzaubern: Es steckt keinerlei Magie dahinter, solch etwas zu schreiben, sondern hauptsächlich Wille und etwas Ausdauer.

Also, auf geht's

Glueckliche Schauspielerinnen

Ich fasse zusammen: Musik- und Theateraufführungen, die aus dem Umfeld der Schule entstehen aber nicht Teil des Pflichtunterrichts sind, sind aus vielerlei Gründen wertvoll und wünschenswert. Sie fördern Motivation, gesellschaftlichen Zusammenhalt, Selbstvertrauen und Selbstdisziplin; sie können eine positive Herausforderung sein und junges Talent fördern; auf jeden Fall sind sie eine Erfahrung für das Leben. Sie erweitern den kulturellen Horizont ebenso wie den Freundeskreis. Ihre Durchführung erfordert von den Mitwirkenden und von den Leitern eine Menge Initiative und Ausdauer, doch die Investition lohnt sich.

Mit dem Stück Die Türme des Februar hoffe ich, die Kultur solcher Aufführungsprojekte zu stärken. Ich möchte Lehrkräfte, politische Entscheidungsträger und die Öffentlichkeit darauf aufmerksam machen, welches Potential und welche Verantwortung hier herrschen. Die Jugend ist unsere Zukunft; sie sind es, die die Welt gestalten werden. Wir sollten uns bemühen, ihnen möglichst viele gute Erfahrungen mit auf den Weg zu geben, damit sie gute Gestalter sein können.